der schreibkomplex

27.5.2010

über die straßen

Abgelegt unter: Transmitter — Roswitha @ 12:04

Nie habe ich Linda deutlicher vor mir gesehen, als in jenem Moment, in dem ich ein Lied im Radio hörte, das mir völlig unbekannt war. Die Stimme der Sängerin war mir fremd. Auch verstand ich die Sprache nicht, in der sie sang. Ich hörte die leisen Töne der Akustikgitarre, die sparsam einen weichen Gesang begleitete. Hörte tastende Finger auf drahtumwickelten Saiten. Seit Stunden saß ich alleine im Auto, war müde, drehte etwas lauter, hörte ein Seufzen, lauschte und senkte mich ins Lied. Von außen her streifte etwas den Schutzraum meines Körpers, senkte meine Atemfrequenz. Die Takte der Musik öffneten einen endlosen Zeitbezirk, mein Blut wurde zum Resonanzraum, die Töne fühlten meinen Puls und schulten ihn auf ihre Schwingung. Vor mir wurde die Landschaft weicher, die asphaltierte Spur vor mir sog meinen Wagen in ein Tal hinein, das dunkle Nebelfahnen gegen die Wand des Abendhimmels schob. Linda. Die Musik floss zu einem Refrain hin, ich meinte plötzlich, das Lied doch zu kennen, denn es wand sich ein paar Takte in Dissonanzen, kippte weiter in eine Verlorenheit hinab, in der jegliche From der Fassbarkeit beinahe nicht mehr möglich war, fand dann aber in einen beruhigenden Akkord hinein, bis die hellen, fast vertrauten Klanglinien wieder erreicht waren. Ein sich wiederholendes Muster entstand. Linda.

Ich fuhr weiter ins Tal hinein. Linda sagte nichts, sie machte nichts. Linda lächelte mir nicht zu. Ich sah nichts, was mit ihr in irgendeinem Zusammenhang stand. Ich erinnerte mich an nichts, an kein Gespräch und keine gemeinsame Begebenheit, an keinen Streit, auch nicht an Zärtlichkeiten. Es waren keine Konkretheiten dieser Art. Linda war nur da. Während sich die Musik vor dem Refrain auf neue Weise fast auflöste, fast selbst zerstörte, war´s mir so, als würde die Straße durch mich hindurch fahren und durch diese Öffnung schaute Linda. Linda war so tief unter meiner Haut, dass ich, während sich mein Wagen wieder auf die Anhöhe zubewegte, nur noch mehr ein Auge war, das sich wie ein Netz über den Weg legte.  Das Lied fühlte hinter die Trübheiten der letzten Begegnung zwischen Linda und mir, tastete sich tiefer bis zu unserem weichsten Grund, auf dem alleine eine zärtliche Zugewandtheit lag, was mit diesem flüsternden Schlussakkord - so sehr war ich von einem Zusammenhang in dieser Sekunde überzeugt - die tiefste Bestätigung fand. Ich drehte wieder lauter, hörte, wie die Hand, die sachte den letzten Ton gespielt hatte, sich auf das Schallloch der Gitarre legte und die Saiten zum Schweigen brachte. Wie über einen offenen Mund, dachte ich, der ein letztes Wort nicht mehr ganz aussprechen kann. Linda. Du. Bis zum Ende der Straße und darüber hinaus immer nur du…

15.11.2009

gähnende fülle

Abgelegt unter: Transmitter — Roswitha @ 21:14

licht2be.jpg  Ich dachte mir noch nichts, als ich in der S-Bahn eine junge Frau sitzen sah, die ein aufgeschlagenes Buch sachte auf ihren Schoß legte. Die Frau fuhr sich mit behandschuhten Fingern durchs lange Haar, schloss dabei die Augen und fing heftig an zu gähnen. Sie gähnte über Minuten hinweg so intensiv, dass ich ihren Kehlkopf sehen konnte. Ein Anblick, der doch normalerweise nur endoskopischen Geräten vergönnt ist (man denkt sich, kann denn wirklich jemand so müde sein?). Nein, natürlich nicht. Bald hatte ich den Verdacht, dass diese Frau die Geschichte vollständig aus sich herausgähnte, die sie gelesen hatte! Spürbar änderte sich die atmosphärische Zusammensetzung in der Bahn, recht kleinmolekular. Es wurde um ein paar Grad dunkler. Die Menschen sahen irgendwie so komisch drein, als hätten sie mindestens vier Paar Augen. (Doch nur Protagonist_innen eines Romans?). Unwohl war´s mir, ach. Ich fragte die Frau, nachdem sie endlich ihren Mund wieder geschlossen hatte, welche Geschichte sie denn gerade ausgegähnt habe (konnte den Titel des Buches von meinem Sitzplatz aus nicht entziffern), denn ich wollte mich darauf einstellen, ob ich gerade in einer Schmonzette, einer Farce oder einer Tragödie herumsaß, (die dann so ungelenk in den Tunnel nach der HackHack, Hackerbrücke einfuhr). Stimmt schon, soviel Unterschied macht das ja nicht, deshalb bekam ich auch keine Antwort von ihr. Ich stieg vor ihrem müden Gesicht aus, dort, am Isartor, ging heraus aus einer vielleicht vielfach verpreisgekrönten Geschichte und dachte mir, am Bahnsteig stehend, hier kenn ich mich wieder aus. Das dachte ich mir, bis sich auf der Rolltreppe ein Kind mit einem Eis in der Hand hinter mich stellte und es die klebrige Schokoladensoße auf die Schweißnaht meiner Jacke kleckerte. Aber mein Rücken nascht doch nicht!!!

14.11.2009

gesenkter blick. tochter

Abgelegt unter: Transmitter — Roswitha @ 22:55

Die feuchte, schwere Erde

deine menschenferne Heimat.

Wo ist dein Leben geblieben

das niemand für dich weiter trägt.

Wollen sich denn nicht

über dem gesenkten Blick der Tochter

die Lichter still vermehren.

Könnte nicht dem alten Himmel

ein Mund wachsen

der deine Wärme mit einem Flüstern

wieder zu den Menschen trägt.

Die Tochter scharrt mit abgewetzten Nägeln

tief in die Erde hinein.

Ihr Atem verfängt sich in den Furchen

und die verkrampften Hände verknoten

zerschnittene Tauhälften

die sich doch nicht halten.

Alles Sprechen ist die Suche nach einer Tonlage

dem erschöpften Klang deines letzten Wortes

Still murmelt es durch die Jahre

Komm zurück/Komm zurück

Du.

Magst du nicht kommen

der Tochter wegen.

Die zieht mit krustigen Seilen

unermüdlich

Beschädigungen zu sich hinüber.

Selbst wenn es unter ihren Lidern ätzt

ist es immer nur erträgliches

das sie beweinen kann.

Es bleibt die Zeit

wie vergessen stehen

während ihr Ursprungsauge

deine menschenferne Heimat sucht.

 

12.10.2009

nachtgedanken

Abgelegt unter: Transmitter — Roswitha @ 11:27

gesehenvontanja.jpg

Gelesen: “Das erschöpfte Selbst” von Alain Ehrenberg. So ein wichtiges Buch!

Gedanken dazu:

gelesen.pdf

 

2.10.2009

turn around girl

Abgelegt unter: Transmitter — Roswitha @ 23:21

licht1be.jpg  nachts scheinen die laternen auf zitternde flügel verirrter weißer falter, die wie staubpartikel stumm die luft hinaufwirbeln. eine junge frau sucht ihre straßen mit trübem blick ab und stellt sich vor, so ein insekt vorsichtig  - mit einem kuss in den handkäfig hinein - nach hause zu tragen, um es an der decke tanzen zu sehen. dort zeichnet es die wolkenmuster des vergangenen tages nach, das über mir entstand, als ich die Bäume entlang des Heimweges abzählte, während ich - umwege suchend - nach hause ging, dann im bettschatten gedanken sah, sie im tiefschlaf aufs bücherregal legte, dort aber keine sprache mehr wuchs.

ich derehe mich um, in die nacht hinein, auf meinem rücken zitternde weiße flügel.

25.9.2009

auf dem saum liegen oder: die übung im halbschlafen

Abgelegt unter: Transmitter — Roswitha @ 00:44

Ich wache auf. Werde plötzlich aus dem Schlaf gerissen. Die Feuerwehr ist im Einsatz und gefühlte hundert Löschfahrzeuge fahren an meinem Fenster vorbei. Die Benommenheit weicht nicht, mein Kopf liegt noch auf diesem Saum, dem fransigen Endstück des Schlafes, bin noch nicht wach, aber trotzdem oder genau deswegen sehe ich die Bilder eines Films durch meinen Körper laufen. Bilder, die ich Stunden zuvor im Fernsehen gesehen habe, von denen ich mich gerne davon abhalten ließ, rechtzeitig zu Bett zu gehen. Die schläfrige Erinnerung streift die Schlussszene des Films Lulu on the bridge von Paul Auster. Mein Herz klopft schnell, ich gleite hinein in die Szene, die sich mit dem Lärm vor meinem Fenster verbindet: der Jazzsaxophonist Izzy Maurer liegt in einem Krankenwagen. Er wurde bei einem Amoklauf während eines Konzertes so schwer verletzt, dass er an seinen Schussverletzungen stirbt. Schnitt. Man sieht den Krankenwagen eine belebte New Yorker Straße entlangfahren. (In meinem Kopf dröhnt es noch. Löschfahrzeug um Löschfahrzeug vor meinem Gautinger Fenster.) Eine junge Frau, Cecilia, geht da in der Nacht spazieren, ist alleine, sieht, wie der Krankenwagen um die Ecke biegt. Sie bleibt stehen, blickt hinterher, hält inne, scheint zu verstehen, was geschehen ist. Ende des Films. (weiterlesen…)

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