über die straßen
Nie habe ich Linda deutlicher vor mir gesehen, als in jenem Moment, in dem ich ein Lied im Radio hörte, das mir völlig unbekannt war. Die Stimme der Sängerin war mir fremd. Auch verstand ich die Sprache nicht, in der sie sang. Ich hörte die leisen Töne der Akustikgitarre, die sparsam einen weichen Gesang begleitete. Hörte tastende Finger auf drahtumwickelten Saiten. Seit Stunden saß ich alleine im Auto, war müde, drehte etwas lauter, hörte ein Seufzen, lauschte und senkte mich ins Lied. Von außen her streifte etwas den Schutzraum meines Körpers, senkte meine Atemfrequenz. Die Takte der Musik öffneten einen endlosen Zeitbezirk, mein Blut wurde zum Resonanzraum, die Töne fühlten meinen Puls und schulten ihn auf ihre Schwingung. Vor mir wurde die Landschaft weicher, die asphaltierte Spur vor mir sog meinen Wagen in ein Tal hinein, das dunkle Nebelfahnen gegen die Wand des Abendhimmels schob. Linda. Die Musik floss zu einem Refrain hin, ich meinte plötzlich, das Lied doch zu kennen, denn es wand sich ein paar Takte in Dissonanzen, kippte weiter in eine Verlorenheit hinab, in der jegliche From der Fassbarkeit beinahe nicht mehr möglich war, fand dann aber in einen beruhigenden Akkord hinein, bis die hellen, fast vertrauten Klanglinien wieder erreicht waren. Ein sich wiederholendes Muster entstand. Linda.
Ich fuhr weiter ins Tal hinein. Linda sagte nichts, sie machte nichts. Linda lächelte mir nicht zu. Ich sah nichts, was mit ihr in irgendeinem Zusammenhang stand. Ich erinnerte mich an nichts, an kein Gespräch und keine gemeinsame Begebenheit, an keinen Streit, auch nicht an Zärtlichkeiten. Es waren keine Konkretheiten dieser Art. Linda war nur da. Während sich die Musik vor dem Refrain auf neue Weise fast auflöste, fast selbst zerstörte, war´s mir so, als würde die Straße durch mich hindurch fahren und durch diese Öffnung schaute Linda. Linda war so tief unter meiner Haut, dass ich, während sich mein Wagen wieder auf die Anhöhe zubewegte, nur noch mehr ein Auge war, das sich wie ein Netz über den Weg legte. Das Lied fühlte hinter die Trübheiten der letzten Begegnung zwischen Linda und mir, tastete sich tiefer bis zu unserem weichsten Grund, auf dem alleine eine zärtliche Zugewandtheit lag, was mit diesem flüsternden Schlussakkord - so sehr war ich von einem Zusammenhang in dieser Sekunde überzeugt - die tiefste Bestätigung fand. Ich drehte wieder lauter, hörte, wie die Hand, die sachte den letzten Ton gespielt hatte, sich auf das Schallloch der Gitarre legte und die Saiten zum Schweigen brachte. Wie über einen offenen Mund, dachte ich, der ein letztes Wort nicht mehr ganz aussprechen kann. Linda. Du. Bis zum Ende der Straße und darüber hinaus immer nur du…
Ich dachte mir noch nichts, als ich in der S-Bahn eine junge Frau sitzen sah, die ein aufgeschlagenes Buch sachte auf ihren Schoß legte. Die Frau fuhr sich mit behandschuhten Fingern durchs lange Haar, schloss dabei die Augen und fing heftig an zu gähnen. Sie gähnte über Minuten hinweg so intensiv, dass ich ihren Kehlkopf sehen konnte. Ein Anblick, der doch normalerweise nur endoskopischen Geräten vergönnt ist (man denkt sich, kann denn wirklich jemand so müde sein?). Nein, natürlich nicht. Bald hatte ich den Verdacht, dass diese Frau die Geschichte vollständig aus sich herausgähnte, die sie gelesen hatte! Spürbar änderte sich die atmosphärische Zusammensetzung in der Bahn, recht kleinmolekular. Es wurde um ein paar Grad dunkler. Die Menschen sahen irgendwie so komisch drein, als hätten sie mindestens vier Paar Augen. (Doch nur Protagonist_innen eines Romans?). Unwohl war´s mir, ach. Ich fragte die Frau, nachdem sie endlich ihren Mund wieder geschlossen hatte, welche Geschichte sie denn gerade ausgegähnt habe (konnte den Titel des Buches von meinem Sitzplatz aus nicht entziffern), denn ich wollte mich darauf einstellen, ob ich gerade in einer Schmonzette, einer Farce oder einer Tragödie herumsaß, (die dann so ungelenk in den Tunnel nach der HackHack, Hackerbrücke einfuhr). Stimmt schon, soviel Unterschied macht das ja nicht, deshalb bekam ich auch keine Antwort von ihr. Ich stieg vor ihrem müden Gesicht aus, dort, am Isartor, ging heraus aus einer vielleicht vielfach verpreisgekrönten Geschichte und dachte mir, am Bahnsteig stehend, hier kenn ich mich wieder aus. Das dachte ich mir, bis sich auf der Rolltreppe ein Kind mit einem Eis in der Hand hinter mich stellte und es die klebrige Schokoladensoße auf die Schweißnaht meiner Jacke kleckerte. Aber mein Rücken nascht doch nicht!!!
nachts scheinen die laternen auf zitternde flügel verirrter weißer falter, die wie staubpartikel stumm die luft hinaufwirbeln. eine junge frau sucht ihre straßen mit trübem blick ab und stellt sich vor, so ein insekt vorsichtig - mit einem kuss in den handkäfig hinein - nach hause zu tragen, um es an der decke tanzen zu sehen. dort zeichnet es die wolkenmuster des vergangenen tages nach, das über mir entstand, als ich die Bäume entlang des Heimweges abzählte, während ich - umwege suchend - nach hause ging, dann im bettschatten gedanken sah, sie im tiefschlaf aufs bücherregal legte, dort aber keine sprache mehr wuchs.