über ein buch das ich bin und noch nicht da ist
In einem Buch werde ich vielleicht einmal etwas von mir lesen. Irgendwann, denke ich, werde ich es in einem Bücherregal entdecken. Ich reise in eine ferne Stadt, besuche eine Bibliothek. Keine der großen Staats- und Nationalbiblotheken, mit denen ein Ort sich schmückt, sondern eine kleine, am Stadtrand gelegene Bücherei, in der nicht mehr als fünf große Regale aus Birkenholz stehen. Die Regalböden sind schon seit Jahren abgewetzt und sehen so aus, als wären sie nie neu gewesen. Alles wesentliche ist schnell zu erfassen. Die Einbände der Bücher sind speckig, die Seiten verknickt und angedunkelt, der Raum schlecht beleuchtet und überhitzt. Die Bibliothekarin sitzt dösend hinter der Kundentheke mit einem gelben Ausleihzettel in der Hand. Sonst ist niemand da. Die Zeit des großen Andrangs ist schon vorbei. Zwischen halb fünf und fünf Uhr, am späten Nachmittag oder frühen Abend, wird es für Momente sehr lebendig in diesen doch sehr stillen Räumen. Es ist die Zeit, in der viele Mütter kommen, die sich kurz nach Feierabend noch kurz ein Buch mitnehmen oder es zurückgeben, bevor sie schnell ihre Kinder zusammensammeln, die über die ganze Stadt verteilt auf sie weinend warten, wieder nach Hause eilen, ihnen noch ein wenig der Geruch von Großraumbüro und Kantinenessen im Haar sitzt, den sie als letzten Gruß in der Bücherei zurücklassen, bevor sie mit ihren blauen Mänteln und selbstgestrickten Mützen hinaus auf die regendurchwirkten Bürgersteige laufen. In ihren Gesichtern liegen die Spuren langer Arbeitstage in kleinen Kassenparzellen oder an Schreibtischen, die mit Termingeschäften überfrachtet sind. Die Schwere der Augenlider verrät etwas über die zermürbenden Auseinandersetzungen mit Computern und Farbrollen und denjenigen Menschen, die man Vorgesetzte und Kollegen nennt. Das ist der Ort, so stelle ich mir vor, an dem ich eines Tages zufällig vorbei kommen werde, weil ich aus Unkenntnis des geographischen Raumes und den Verästelungen seiner Busnetze und Straßenverläufe in ein öffentliches Verkehrsmittel einsteige - rat- und orientierungslos - um dann irgendwo an einer Kreuzung, der Endhaltestelle, auszusteigen, mit einem alten Stadtplan in der Hand, während eine Frau mit selbstgestrickter Mütze und blauem Mantel entgegenkommt und mir zuruft, sehen Sie, da drüben gibt es die Möglichkeit, einen Automatenkaffee zu trinken und wenn sie die dösende Bibiothekarin wecken, zeigt sie ihnen vielleicht den Weg, denn das kann sie ausgesprochen gut. (weiterlesen…)
nachts scheinen die laternen auf zitternde flügel verirrter weißer falter, die wie staubpartikel stumm die luft hinaufwirbeln. eine junge frau sucht ihre straßen mit trübem blick ab und stellt sich vor, so ein insekt vorsichtig - mit einem kuss in den handkäfig hinein - nach hause zu tragen, um es an der decke tanzen zu sehen. dort zeichnet es die wolkenmuster des vergangenen tages nach, das über mir entstand, als ich die Bäume entlang des Heimweges abzählte, während ich - umwege suchend - nach hause ging, dann im bettschatten gedanken sah, sie im tiefschlaf aufs bücherregal legte, dort aber keine sprache mehr wuchs.