der schreibkomplex

27.9.2009

Abgelegt unter: Uncategorized — Roswitha @ 23:10

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sophie hunger

Abgelegt unter: Kosmonautinnen — Roswitha @ 23:10

“If I could open up my chest/And pour out of myself/In a corner I should rest/To rain down on a shelf/There I´d be soaked up/By roots of mountaintops/To finally be spoken out/A line that someone drops” (Sophie Hunger, “teenage spirit”)

Lieder kommen, setzen sich manchmal und bleiben. Oder sie laufen mit dir die Straße hinunter. Täglich, in autistischer Manier, stopfe ich mir, außenkontaktmeidend, die headphones in die Ohren und überlebe die Pendelbewegung hinein in die Stadt. Die S-Bahn ist ein Weltinnenraum, ich drücke am Handy herum und höre einfach Radio, wenn mir nicht gerade ein Tunnel die Welle wegnimmt. Nachts vorm Bahnhof dann diese Zufallsbegegnung auf Bayern2, diesmal schalte ich auch nicht, wie so oft, mitten ins Lied hinein, sondern höre es - welch ein Glück - praktisch vom ersten Ton an. Es ist “shape” aus Sophie Hungers CD “monday ghost”. Was mich als erstes anzieht, ist diese Stimme der jungen Schweizerin, einer reisebewegten Diplomatentochter, die Sprachen als etwas Fluides erlebt, wie ich später erfahre. Man hört das irgendwie. Ich laufe also die Straße hinunter und habe bald das Gefühl, dass auch der Asphalt etwas Bewegliches ist, etwas, was über meine Stirn nach unten läuft, über meine Beine und Füße herunterrinnt und sich vor mir entlangdehnt. Ewig möchte ich hier laufen, denke ich mir noch. Um diese Nacht hat sich möglicherweise eine Blase gebildet, die diese Begegnung abdichtet, um darin groß zu werden. Ich laufe nicht mehr, um nach Hause zu kommen. Ich bewege mich und möchte nirgendwo ankommen und habe den seltsamen Gedanken, dass ich das Lied endlos weiterspielen lassen kann, wenn ich nur immer weiter gehe und nicht stehen bleibe. Immer wieder komme ich nicht an Häusern, sondern am Refrain des Liedes vorbei. Aber dann leider…, ich kann nichts dagegen setzen, ich höre bald wieder die Stimme des Sprechers im Studio. Was für ein Glück, dass ich nicht wieder, wie so oft, mitten ins Lied hineingeschaltet habe und mir den, weil eben so ungewöhnlichen Namen der Sängerin, gut merken kann. Heute kommt kaum mehr eine andere CD in meinen etwas unzuverlässigen Player rein. Die große Liebe gehört nach wie vor “shape”, aber alle 14 Lieder sind wunderschön, sehr mitreißend vor allem “the tourist”. Das sind mehr als Lieder, es sind schon Freunde, die dich am Ärmel zupfen, die Haare zerzausen, dir die Nasenspitze stupsen, dich kumpelhaft anrempeln oder ein Kissen hinlegen, auf das du ganz ruhig eine Träne weinen kannst, bevor alles wieder gut wird. Schön, sich auf den November zu freuen: am 5.11. spielt Sophie Hunger live in München.

Abgelegt unter: Uncategorized — Roswitha @ 22:43

 

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Reise I

Vor dem Bahnhof liegt eine kleine begrünte Insel. Das Gras ist da als Saum, der die Blumenbeete umschließt. Das Gras wird von den vorüberziehenden Menschen nicht berührt und nicht betreten, es wächst um die Steinplatten, auf denen Sitzbänke aus dunklem Kunststoff stehen. Die sehen so aus, als wären sie aus wettergegerbtem Holz.

Trüb ist es. Der Himmel liegt wie Milchglas auf den Köpfen der Reisenden, die mit Koffern in den Händen über den Vorplatz ziehen. M. legt ihre Tasche auf die Bank, die direkt zur großen Bahnhofsuhr schaut. Es ist zwanzig vor neun. Hier an diesem Platz hat sie noch nie darauf gewartet, dass die Zeit vergeht. Sie zündet sich eine Zigarette an. Es wird warm in ihrer Hand. Die Zeiger der Uhr nähern sich einander und deuten hinüber zu den Fensterreihen eines Postgebäudes. M. holt die Fahrkarte aus ihrer Manteltasche. Sie sucht den Namen der Endstation und stellt sich eine große Glaskuppel vor, durch die das Licht einströmt und auf die staubigen Schuhe der Reisenden scheint. Ein Telefon klingelt. Eine blasse Frau schlendert mit einem kleinen Rollkoffer an M. vorbei und lässt das Handy unter ihrem Haar verschwinden. Ich könnte, denkt sich M., meine Tasche unter die Bank stellen und dann weggehen, in den Zug einsteigen und mit nichts in den Händen ankommen…

Ein gebückter Mann lässt seinen Arm in der Öffnung eines Abfallbehälters verschwinden.

Gestern Nacht träumte M. von sich. Die Bettdecke lag unruhig neben ihrem Körper. Der Schrank an der Wand schaute sie mit einem hellen, viereckigen Auge an und beobachtete ihren Atem. Als sie früh aufwachte, war dieser Schrank in ihren Augen. Er ist wie ein Archiv in meinem Kopf, denkt M.

Auf der Bank wird es kalt. Der Zug fährt von Gleis 14 aus, wenn die Zeiger der Bahnhofsuhr auf die Wolke zeigen, die noch unbeweglich vor der Sonne sitzt. M. nimmt die Tasche und schiebt sie durch die Öffnung des Abfallbehälters. Der ist fast leer, hört sie. Die Tasche fällt mit einem dumpfen Ton hinein. Von Gleis 14 setzt sich der Zug in Bewegung, rauscht aus der Stadt hinaus. Ihre Habseligkeiten frieren zwischen weggeworfenen Zeitungen und Bierdosen. M. öffnet weit die Augen und fragt sie, ob sie sehen dürfen.

Reise II

Immer wieder aus dem Fenster sehen und hinausträumen…

Ich hole meine Reiseverpflegung aus dem Rucksack, falte die Papiertüte auf, fange mit der Fingerkuppe die Brotkrümel ein, die sich in einer Falte versammelt haben und setze sie auf meinen ersten Bissen. Draußen immer wieder nackte Bäume, was müssen die nur frieren, weltabgewandt ziehen sie vorbei, als hätten sie mit der Landschaft nichts zu tun, als hätte man sie zufällig irgendwo abgesetzt, oder, so scheint mir bald, als wären sie die Schatten ihrer schlafenden Sommergeschwister und hätten sich dann aufgestellt. Vielleicht sind sie nur Platzhalter, denke ich mir, die den Vorbeireisenden sagen wollen, schaut, hier steht eigentlich eine sehr bodenständige Birke, die im Sommer ihre Zweige nach der Sonne streckt und hier steht dem Prinzip nach eine zögerliche Esche, die nicht schnell ihre Blätter zeigen mag und der Frühlingswärme nur langsam vertraut. Nun vertuschen wir also deren Abwesenheit, während sie sich über die Wintermonate verabschiedet haben und wie Zugvögel an einem geheimen Ort Schutz suchen. In sehr vielen Wochen werden sie hoffentlich zurückfinden zu ihren eigenen Wurzelgebilden und wir dürfen dann endlich wieder als Schatten ins Gras fallen.

Aber das ist jetzt eine andere Zeit, der Schnee liegt als grauer Fransenteppich auf den Hügeln und Wiesen und alles sieht so bleich aus, so bleich, dass die nebelüberschwemmte Erde vom milchigen Himmel nicht mehr zu unterscheiden ist, dass ich mich schon frage, in welches Weiß die dünne Spitze eines Kirchenturms zeigt, der gerade hastig an mir vorbeizieht. Ich seh mich selbst in der Scheibe und, aha, dieses Gesicht fliegt also über die Felder und zieht vor Häuserfronten vorbei. Mich wunderts, dass dieses Gesicht irgendwohin will, aber vielleicht will es einfach nur unterwegs sein und Kondensringe auf Zugfensterscheiben atmen. Zugfensterscheiben vor Sommerbäumen oder deren Winterschatten.

kosmonautin der worte oder: “wann haben sie zuletzt etwas gemacht, was sie eine erfahrung nennen würden?” (andrea winkler)

Abgelegt unter: Kosmonautinnen — Roswitha @ 22:40

Ein Zuspitzungserlebnis doppelter Art war das, bei den Ingeborg Bachmann Literaturtagen dieses Jahr in Klagenfurt. Die österreichische Autorin Andrea Winkler setzte sich an ihr zugewiesenes Tischchen und las ihren Text “Aus dem Gras” vor. Ein sanfter, hochsensibler Text, eine Collage eigentlich, die kleine Einzel- und Teilbilder zusammenfügt, leicht hingehaucht, Motive wiederholt. Mehr ein Nebeneinander der Textstücke als ein Nacheinander - vernetzte Bildebenen - eine nicht linear erzählende Prosa eben. Die Autorin zeichnet ihre bildhaften Sätze nicht perspektivisch aufs Blatt (sehen Sie, ich habe soeben meinen Garten abgebildet), sondern weckt innere Bilder durch Kreisbewegungen (ich bin hier und etwas passiert mit mir und etwas passiert mit dem hohen Gras, über das ich mit meiner Hand streiche, ich rede mit jemand, so im Stillen, vielleicht rede ich aber auch mit mir, das macht aber keinen großen Unterschied, dann streicht meine Hand wieder über das Gras). Was diesem innigen Zuhörerlebnis folgte, diesem Zuspitzungserlebnis eines willkommenen inneren Wändewackelns, war eine sehr kontrovers geführte Diskussion der Jury, eine hin- und herschweifende Realismusdebatte, hin- und herschwankend wie der Weihrauchkessel in einer katholischen Kirche. Egal, wo dieser Weihrauch herzieht - er ist ja immer der sakrale Hauch und heiße Atemzug eines unerschöpflichen WAHRHEITSMUNDES. Ich wende mich ab und mag nicht mehr zuhören. Nie wieder. (weiterlesen…)

25.9.2009

auf dem saum liegen oder: die übung im halbschlafen

Abgelegt unter: Transmitter — Roswitha @ 00:44

Ich wache auf. Werde plötzlich aus dem Schlaf gerissen. Die Feuerwehr ist im Einsatz und gefühlte hundert Löschfahrzeuge fahren an meinem Fenster vorbei. Die Benommenheit weicht nicht, mein Kopf liegt noch auf diesem Saum, dem fransigen Endstück des Schlafes, bin noch nicht wach, aber trotzdem oder genau deswegen sehe ich die Bilder eines Films durch meinen Körper laufen. Bilder, die ich Stunden zuvor im Fernsehen gesehen habe, von denen ich mich gerne davon abhalten ließ, rechtzeitig zu Bett zu gehen. Die schläfrige Erinnerung streift die Schlussszene des Films Lulu on the bridge von Paul Auster. Mein Herz klopft schnell, ich gleite hinein in die Szene, die sich mit dem Lärm vor meinem Fenster verbindet: der Jazzsaxophonist Izzy Maurer liegt in einem Krankenwagen. Er wurde bei einem Amoklauf während eines Konzertes so schwer verletzt, dass er an seinen Schussverletzungen stirbt. Schnitt. Man sieht den Krankenwagen eine belebte New Yorker Straße entlangfahren. (In meinem Kopf dröhnt es noch. Löschfahrzeug um Löschfahrzeug vor meinem Gautinger Fenster.) Eine junge Frau, Cecilia, geht da in der Nacht spazieren, ist alleine, sieht, wie der Krankenwagen um die Ecke biegt. Sie bleibt stehen, blickt hinterher, hält inne, scheint zu verstehen, was geschehen ist. Ende des Films. (weiterlesen…)

19.9.2009

zwanzig jahre

Abgelegt unter: Uncategorized — Roswitha @ 18:20

Es vergeht bestimmt kein Jahr, in dem ich nicht in einer Buchhandlung die Buchreihen nach Deinem Namen absuche. In den letzten Jahren war es mehr das Internet - natürlich - habe ins Netz eine Frage gestellt. Es war ein nicht näher bestimmbarer Impuls, dem ich da folgte. Ich hatte mir nie vorgenommen, so lange zu suchen und tat es trotzdem. Frage, J., wo bist Du? Gibt es Textspuren? Damals lagen die vollgeschriebenen Blätter auf Deinem Esstisch oder gar auf dem Boden herum. Hattest sie zwischen Deinen Schulunterlagen versteckt und ich dachte mir immer, irgendwann werden sie den Weg heraus finden und zwar hinaus in die Welt, die Du aber nicht mochtest. Bewundert hab ich Deine Texte, und ein Lebenszeichen hab ich mir gewünscht von Dir. Und diese Woche dachte ich mir noch, oh, fast zwanzig Jahre sind mittlerweile vergangen und immer wieder schau ich, ob nicht doch… Und neben all den Büchern müsste doch endlich was von Dir stehen… Werde weiter die Buchreihen absuchen, von Zeit zu Zeit, in diesen Jahren.

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