Farbe und Regen

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Der warme Wind bläst den Nebel über die bemooste Mauer - ein Kind läuft über die Wiesen und schließt schnell das Wintertor mit kleinen, taufeuchten Händen zu. Dann küsst es kleine Spuren in die Erde hinein, aus denen bunte Augen wachsen. Sommerlang, ein lachender Blick. 

Endlich summt das Gras wieder… Endlich verschüttet sich das Grün, bis es durch die Finger rinnt und zwischen den Asphaltflächen liegen bleibt.

Guerrilla Exhibitions

Nachts laufe ich an der Isar entlang und dann taucht plötzlich irgendwo ein Bild auf, dort, wo tagsüber ganz sicher nur eine Mauer da war. Die Nacht ist ein endlos großer Ausstellungsraum. Die Fund- und Ausstellungsstücke gewinnen mit der Flüchtigkeit ihres Gezeigt- und Gesehenwerdens die stärkste Präsenz. In einer anderen Nacht, glaube ich, lag an dieser Stelle ein blaues Fahrrad oder ein halbgeöffneter Regenschirm mit einem Riss von der Spitze bis zum äußeren Saum oder eine weggeworfene Konzertkarte, auf der noch die Platznummer zu erkennen war oder eine halbleere Bierflasche mit kaputtgeschlagenem Hals oder es saß da jemand - den dunklen Rücken zur Promenade hingestreckt - vielleicht war´s auch die Schale einer großen Walnuss oder der Chitinpanzer eines Junikäfers…

Über die Straßen

Nie habe ich Linda deutlicher vor mir gesehen, als in jenem Moment, in dem ich ein Lied im Radio hörte, das mir völlig unbekannt war. Die Stimme der Sängerin war mir fremd. Auch verstand ich die Sprache nicht, in der sie sang. Ich hörte die leisen Töne der Akustikgitarre, die sparsam einen weichen Gesang begleitete. Hörte tastende Finger auf drahtumwickelten Saiten. Seit Stunden saß ich alleine im Auto, war müde, drehte etwas lauter, hörte ein Seufzen, lauschte und senkte mich ins Lied. Von außen her streifte etwas den Schutzraum meines Körpers, senkte meine Atemfrequenz. Die Takte der Musik öffneten einen endlosen Zeitbezirk, mein Blut wurde zum Resonanzraum, die Töne fühlten meinen Puls und schulten ihn auf ihre Schwingung. Vor mir wurde die Landschaft weicher, die asphaltierte Spur vor mir sog meinen Wagen in ein Tal hinein, das dunkle Nebelfahnen gegen die Wand des Abendhimmels schob. Linda. Die Musik floss zu einem Refrain hin, ich meinte plötzlich, das Lied doch zu kennen, denn es verdichtete sich für ein paar Takte in Dissonanzen, kippte weiter in eine Verlorenheit hinab, in der jegliche From der Fassbarkeit beinahe nicht mehr möglich war, fand dann aber in einen beruhigenden Akkord hinein, bis die hellen, fast vertrauten Klanglinien wieder erreicht waren. Ein sich wiederholendes Muster entstand. Linda.

Ich fuhr weiter ins Tal hinein. Linda sagte nichts, sie machte nichts. Linda lächelte mir nicht zu. Ich sah nichts, was mit ihr in irgendeinem Zusammenhang stand. Ich erinnerte mich an nichts, an kein Gespräch und keine gemeinsame Begebenheit, an keinen Streit, auch nicht an Zärtlichkeiten. Es waren keine Konkretheiten dieser Art. Linda war nur da. Während sich die Musik vor dem Refrain auf neue Weise fast auflöste, fast selbst zerstörte, war´s mir so, als würde die Straße durch mich hindurch fahren und durch diese Öffnung schaute Linda. Linda war so tief unter meiner Haut, dass ich, während sich mein Wagen wieder auf die Anhöhe zubewegte, nur noch mehr ein Auge war, das sich wie ein Netz über den Weg legte.  Das Lied fühlte hinter die Trübheiten der letzten Begegnung zwischen Linda und mir, tastete sich tiefer bis zu unserem weichsten Grund, auf dem alleine eine zärtliche Zugewandtheit lag, was mit diesem flüsternden Schlussakkord - so sehr war ich von einem Zusammenhang in dieser Sekunde überzeugt - die beste Bestätigung fand. Ich drehte wieder lauter, hörte, wie die Hand, die sachte den letzten Ton gespielt hatte, sich auf das Schallloch der Gitarre legte und die Saiten zum Schweigen brachte. Wie über einen offenen Mund, dachte ich, der ein letztes Wort nicht mehr ganz aussprechen kann. Linda. Du. Bis zum Ende der Straße und darüber hinaus immer nur du…

mai

einen spalt breit steht das fenster offen hinaus zum hof da ist frühling draußen stunde um stunde erfinden die bäume neue farben der wind trägt sie zu meinem fenstersims drinnen stecke ich meine hände in dicke arbeitshandschuhe und male gott als einen punkt an die wand der schweigt schon die ganze zeit aber das rauschen der blätter möchte in meinen ohren ein haus besetzen wo es winterlang wohnt und zärtlich dort bleibt 

die nacht ist nur ein brennen tief drinnen im auge…

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die nacht ist nur ein brennen tief drinnen im auge sagst du während du kurz vor mitternacht eine straßenlaterne zum tanzen aufforderst den laternenpfahl mit einer hand umklammerst und dich darum drehst und drehst und dabei zu einem feinen farblosen schleier wirst und du lachst und stolperst fast und ich weiß dass diese nacht nur dir gehört du atmest die stadt mit ihren kristalllichtern ein du drehst dich unter dem schlafverwirrten mond du atmest nach mitternacht auch mich bis aufs letzte haar ein wir sagen nichts du drehst dich weiter und siehst deinen beinen beim tanzen zu ich versuche aus deinen augen herauszuschauen die nacht ist nur ein brennen

tief drinnen tief drinnen ein atemloses brennen

die nacht

Am See

nachmittags am see lieg ich im warmen gras. der himmel verreibt sich zu einer schläfrigen wärme und draußen befühlt das aufsteigende luftmeer die schiffe, die ruhig vor den formlosen ufern untergehen. raschelnde blätter zeigen aus den bäumen wie zahllose kleine finger, die ein klavierstück in den wind spielen, nachmittage lang. im wasser zittern arme und hände. menschen sitzen in einem boot. sehen aus wie gekrümmte landarbeiter, die in einem blauen feld untergehen. sie treiben fast bewegungslos dem alpenzug entgegen, bis die abendsonne alle schiffe in ein rotes licht taucht und sich die lider des himmels schließen. hier am ufer bleibt jede stunde gleich. ich lasse den see in mir ertrinken  - bin hier zuhause jederzeit.

Auf einem Gehweg in Eching bei München tauchte dann plötzlich Berlin auf…

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WOLKEN

Wolken ~>

ziehen vorbei

und wir hinterher

|WOHIN|

Jetzt sind wir schon

|ANDERSWO|

und vergessen

die vertrauten Wege von

GESTERN

Du. Wanderin

aus deiner Stirn fällt ein tanzender Ball

darunter bricht der Asphalt

- atme, Straße, atme -

aus deinen Augen blicken Worte

hab sie noch nie gesehen

du flüsterst deinen Namen

in die Stadt hinein

sie verschwimmt

zu einem neuen Ort

vor deinen Lippen

beginnt die Welt zu wandern